Kritik an den Zinsen
Wie wir gesehen haben, war der Zins in der Geschichte der Menschheit zwar immer ein Thema, aber durchaus auch umstritten und oft verboten. Seit den Anfängen des Münzwesens gibt es Kritik am Zins und Vorbehalte gegenüber Geldverleihern.
Schon Aristoteles betrachtete den Zins als widernatürlich und meinte: „Daher wird mit allergrößter Berechtigung eine dritte Form der Erwerbstätigkeit, der Geldverleih gegen Zinsen, gehasst; denn dabei stammt der Gewinn aus dem Münzgeld selber, nicht aus der Verwendung, für die es geschaffen wurde, denn es entstand zur Erleichterung des Tauschhandels. … Zins aber ist Geld gezeugt von Geld. Daher ist auch diese Form von Erwerb am meisten wider die Natur.“ Auch in der heutigen Zeit – besonders seit der letzten Finanzkrise ab 2007 – gibt es wieder viele Zinskritiker. Sie argumentieren meist ökonomisch oder sozial wie Dieter Suhr, Helge Peukert, Bernd Senf, Helmut Creutz und Franz Hörmann. Nach Ansicht der Zinskritiker vergrößern Zinsen stetig die Schere zwischen Arm und Reich. Zudem entstünden zwangsmäßig periodische Wirtschafts- und Schuldenkrisen, aus denen Kriege folgen könnten. Weitere Kritikpunkte sind Zeit- und Lohndiebstahl, Wachstumszwang, das (annähernd) exponentielle Anwachsen der Staatsschulden, die Ungleichbehandlung durch fehlende Einheitszinsen, das Weiterreichen von versteckten Zinsen, die in allen Produkten enthalten sind, an die Endverbraucher, was zur allgemeinen Verteuerung führt. Teilweise wird das gegenwärtige Zinswesen auch mit einem Ponzi-Schema, also einem Schneeballsystem verglichen, das nur solange aufrecht erhalten werden kann, solange sich die Anzahl der Teilnehmer und damit des Kapitals laufend verdoppelt und wenn das nicht mehr möglich ist, in sich zusammenbricht.
Was hat es damit auf sich? Ist diese Zinskritik berechtigt oder sogar notwendig? Auch ich persönlich zähle mich heute eher zu den Zinskritikern, habe aber auch für mich festgestellt, dass wohl nicht der Zins an sich der Kern des Problems ist, sondern der Zinseszins.
Der Zinseszins – die Wurzel allen Übels?
Erste mathematische Zinsberechnungen ermöglichte 1614 John Napier mit der Erfindung des Logarithmus, 1617 beschrieb er das exponentielle Wachstum von Schulden durch Zinsen. Es ist nämlich wichtig, zwischen linearer Verzinsung und exponentieller Verzinsung zu unterscheiden: Bei der linearen Verzinsung werden Zinsen immer nur auf den ursprünglichen bzw. noch bestehenden Kreditbetrag bezahlt. Bei der exponentiellen Verzinsung werden Zinsen zum Kreditbetrag dazugeschlagen und verursachen somit wiederum Zinsen auf sich selbst – der sogenannte Zinseszins. Gerade dieser Zinseszins war in der Geschichte oft verboten, ist heute aber durchaus wieder überall üblich. Er führt dazu, dass sich Kapital oder Schulden mit der Zeit laufend und immer schneller verdoppeln – also exponentiell wachsen.
Ein Zinssatz von 10% verdoppelt einen Geldbetrag alle 7 Jahre. Exponentielles Wachstum ist aber etwas, was in der Natur nicht (nachhaltig) vorkommt und für den menschlichen Verstand deshalb nicht wirklich vorstellbar oder verständlich ist. Der Unterschied zwischen linearem und exponentiellem Wachstum wird gerne durch verschiedene Geschichten anschaulich und verständlich gemacht. Es ist damit nicht schwer zu verstehen, dass exponentielles Wachstum über einen langen Zeitraum in der Natur, auf unserem Planeten, in der Wirtschaft, in unserer menschlichen Praxis – egal wo – nicht möglich oder aber verheerend und zerstörerisch ist.
Genau dieses exponentielle Wachstum haben wir aber, wenn wir Jahr für Jahr eine wachsende Wirtschaft haben wollen oder haben müssen, damit unser System funktioniert.
Und genau dieses exponentielle Wachstum haben wir auch in unserem Geldsystem. Die Geldmengen der westlichen Wirtschaftsräume und mit ihnen einhergehend, die Geldschulden, wachsen seit vielen Jahrzehnten exponentiell. Und das ist einfach auf Dauer nicht möglich und verursacht schon heute enorme Probleme, die uns alle betreffen. Schon lange haben sich all die Argumente der Zinskritiker dramatisch bewahrheitet. Eine gewaltige Finanz- und Schuldenkrise haben wir seit 2007 – und sie ist bis heute nicht wirklich gelöst. An Kriegen mangelt es ebenfalls nicht, und das Säbelgerassel der Großmächte – vor allem der USA – ist gerade aktuell kaum mehr zu ertragen.
Experiment: Anschaulicher Zins und Zinseszins
Der walisische Philosoph und Ökonom Richard Price veranschaulichte im 18. Jahrhundert anhand des Gedankenexperiments des Josephspfennigs die Kritik an der durch Zinseszinseffekte exponentiell anwachsenden Geldmenge. In diesem Gedankenspiel legt Joseph von Nazareth zur Geburt Jesu 1 Eurocent auf ein Sparbuch, das mit 5 % verzinst wird und lässt dieses Sparbuch bis heute (2000 Jahre) bestehen. Würde man die Zinsen jedes Jahr beheben und zur Seite legen – sodass also kein Zinseszins entstehen kann, würde das Kapital auf 1 Euro anwachsen – sich also verhundertfachen. Das wäre das lineare Wachstum. Lässt man die Zinsen jedoch am Sparbuch stehen, sodass sie sich auch selbst weiter verzinsen, hätte man nach 2000 Jahren ein Kapital von rund 2,39 mal 10 hoch 40 € angespart. Ausgeschrieben sind das 23.911.022.046.135.520.000.000.000.000.000.000.000.000 €. Das entsprach im Jahr 2000 umgerechnet einer Goldmenge von ungefähr 420 Milliarden Erdkugeln. Das ist exponentielles Wachstum.
Die Schere zwischen Arm und Reich vergrößert sich in irrem Tempo
Noch vor einigen Jahren hatten die reichsten 100 Menschen dieser Welt (laut Forbes-Liste) so viel Geld, wie die ärmere mHälfte der Weltbevölkerung. Letztes Jahr galt das gerade mal noch für die reichsten m8 Menschen dieser Welt (Oxfam Studie). Amazon Gründer Jeff Bezos – aktuell laut dieser Liste, der reichste Mensch der Welt – hat aktuell ein Vermögen von 120 Mrd. US-Dollar.
Nur damit sie eine Idee bekommen, wieviel Geld das wirklich ist: Wenn Sie in der komfortablen Lage sind oder wären, dass Sie jeden Monat 2.500 Euro ansparen könnten, bräuchten Sie ca. 4 Millionen Jahre, um auf diesen Betrag zu kommen. Andersrum gerechnet, wenn Herr Bezos auf dieses Vermögen nur 1 % Zins pro mJahr erhält, dann hat er ein arbeitsloses mZinseinkommen von rund 100 Mio. USDollar pro Monat.
Warum zeige ich das so deutlich auf? Es zeigt, wir jonglieren schon lange mit Beträgen, die absolut keinen Sinn mehr machen. Wie kommen wir da wieder raus? Gibt es Alternativen, Lösungen, andere Ideen? Natürlich gibt es die. Schauen wir uns noch ein paar von ihnen an.
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